Amazons Weltraumprojekt: Project Kuiper

Internet aus dem All – mehr als Breitband für alle

Wer regiert eigentlich das Internet? Auch bei dieser Frage mischt Amazon kräftig mit: Mit Project Kuiper baut der Konzern eine eigene Satelliten-Infrastruktur auf, die selbst die entlegensten Regionen der Welt mit schnellem Breitbandinternet versorgen soll.

Amazons Satelliten-Internet soll künftig „Schulen, Krankenhäusern, Unternehmen, Regierungsbehörden und anderen Organisationen“ rund um den Globus zur Verfügung stehen, die bislang keinen Zugang zu stabilem Internet haben. „Wir fühlen uns verpflichtet, einen Beitrag zur Überwindung der digitalen Kluft zu leisten“, erklärt Amazon auf seiner News-Seite.

Doch wer Amazon kennt, darf vermuten, dass hinter dem Projekt mehr steckt als globale soziale Verantwortung: Mit Project Kuiper schafft sich Amazon eine autonome Infrastruktur für seine Lieferketten, IoT-Geräte und Cloud-Anwendungen. Und nicht nur das: Wenn Project Kuiper so erfolgreich wird, wie es sich Jeff Bezos erhofft, dann übernimmt Amazon künftig einen weiteren Teil unserer Grundversorgung.

Über Project Kuiper

Das Forschungsprojekt begann bereits 2018. Zwei Jahre später erhielt Amazon die Lizenz zum Einsatz und Betrieb von Project Kuiper-Satelliten von der US-amerikanischen Federal Communications Commission (FCC). Jetzt wird es Zeit, das Project Kuiper fliegt. Die kommerzielle Inbetriebnahme ist für Ende des Jahres (2025) geplant. Das Projekt läuft aktuell auf Hochtouren. Eigenen Angaben zufolge arbeiten aktuell mehr als 2.000 Amazon-Mitarbeitende am Launch von Project Kuiper, weitere werden händeringend gesucht.

Im April schoss Amazon die ersten 27 Satelliten ins All. Sie sind Teil der „primären Satellitenkonstellation“ (also einer speziellen Anordnung der Satelliten zueinander), für die Amazon mehr als 3.200 Satelliten in die erdnahe Umlaufbahn (Low Earth Orbit – LEO) bringen will. Die Satelliten sollen wiederum mit einem Netzwerk aus Antennen, Glasfaser- und Internetanschlüssen auf der Erde verbunden sein, um jeden Winkel der Erde mit Internet zu versorgen.

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Wettlauf im All um Internet auf der Erde

Es ist buchstäblich ein außerirdischer Wettlauf. Die größten Konkurrenten: Starlink (USA), Eutelsat OneWeb (Europa) und das teilstaatliche Unternehmen aus China, SpaceSail.

Starlink ging als erstes ins Rennen: Das Satelliteninternet von Elon Musks Weltraumunternehmen SpaceX ist in den USA bereits seit 2020 auf dem Markt. 2023 folgte die globale Expansion. Aktuell umkreisen etwa 7.000 Starlink-Satelliten die Erde. In manchen Regionen stößt Starlink allerdings schon jetzt an Wachstumsgrenzen. Denn gerade dort, wo die meisten Menschen leben – in Städten, Ballungsräumen und Industriezentren – wird Satelliteninternet oftmals gar nicht benötigt. Bedarf gibt es vor allem dort, wo er am wenigsten lukrativ ist: in ländlichen, entlegenen und strukturschwachen Gebieten. Zahlt sich das aus?

Auch Eutelsat OneWeb ist bereits aktiv und richtet sich vor allem an Unternehmen und staatliche Partner. Um mit der Konkurrenz mitzuhalten, setzt Amazon aktuell auf eine Serie geplanter Raketenstarts, die weitere Satelliten ins All befördern sollen – unter anderem mit Raketen von Bezos´ eigenem Weltraumunternehmen Blue Origin und der United Launch Alliance (ULA).

Amazon stärkt seine Autonomie

Doch es geht nicht nur um Konkurrenz auf dem Weltmarkt: Project Kuiper ist ein weiterer und wichtiger Schritt, um Amazons Autonomie zu stärken und jede Art von Abhängigkeit zu vermeiden. Das Ziel ist eine komplett eigene Infrastruktur.

Zur Erinnerung: Auch Amazon Web Services (AWS) wurde ursprünglich für den eigenen Bedarf entwickelt, um die gigantischen Rechenkapazitäten des Konzerns zu decken und sich unabhängig von anderen Anbietern zu machen. Heute zählt die Cloud-Sparte zu den profitabelsten Geschäftsbereichen des Unternehmens. Und auch beim Thema Künstliche Intelligenz setzt Amazon lieber auf eigene Lösungen.

Weltraumschrott und Regulierungsfragen

Der Satelliten-Boom wirft allerdings nicht nur bei Kritiker:innen Fragen auf: Tausende neue Objekte im Orbit erhöhen das Risiko für Kollisionen und Weltraumschrott im niedrigen Erdorbit. Wissenschaftler:innen fordern daher strengere internationale Regeln. Amazon betont natürlich, dass „Sicherheit und Nachhaltigkeit im Weltraum […] zentrale Prinzipien von Project Kuiper“ seien.

Es geht auch um geopolitische Risiken: zunehmende Abhängigkeit von bereits etablierten Monopolisten, drohende Überwachung durch autoritäre Staaten und die Nutzung zu militärischen Zwecken. Elon Musk hat mit seinem Satelliten-Netzwerk Starlink im Ukrainekrieg ja bereits gezeigt, wie das aussehen kann.

Autonom und (Welt-)allumfassend

Project Kuiper zeigt einmal mehr, wie konsequent Amazon sich nicht nur Märkte, sondern auch Infrastruktur sichert. Mit einem eigenen Internet wird Amazon endgültig zum Selbstversorger und kann seinen Cloud-Service AWS, die Prime-Dienste sowie die Infrastruktur rund um den Onlinehandel komplett autonom versorgen. Und selbst wenn der unmittelbare Bedarf in vielen Regionen heute schon gedeckt oder von der Konkurrenz dominiert scheint: Ohne Internetzugang geht heute gar nichts. Nirgendwo auf der Welt. Ob Project Kuiper dabei tatsächlich ein profitables Standbein für Amazon werden wird, ist – zumindest Stand heute – fraglich. Klar ist aber: Amazon will die Frage, wer das Internet regiert, in den nächsten Jahrzehnten entscheidend prägen.

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